Blog prof. René Prêtre

Nov 01 2019
pretre

Mission Kambodscha 2019, 1. November

Post by René Prêtre

pretre
Nov 01 2019

8 Uhr
Internationale Nachrichten erreichen uns hier kaum. Nur sehr wenige Informationen dringen bis zu uns durch (naja, es gab auch keine Champions League, diese Woche). Ist England nun wirklich aus der EU ausgetreten? Der Brexit wurde mit einer solchen Überzeugung (um nicht zu sagen Vehemenz) für gestern um Mitternacht angekündigt. Wir haben gestern um Mitternacht geschlafen. Und heute Morgen schienen alle voller Elan für unseren letzten Operationstag. Die Operation des zweiten Kindes von gestern wurde auf heute Morgen verschoben (ich konnte der Mutter versichern, dass wir es vor unserer Abreise noch operieren würden – dazu brauchte es zwar mehr als nur ein Kopfnicken, aber keine Sorge, ich wurde von einem Übersetzer unterstützt). Eines der für heute auf dem Programm stehenden Kinder hat diese Nacht hohes Fieber bekommen, was eine Operation am offenen Herzen nicht zulässt. Es wurde diese Woche dreimal von Ladin operiert, ich habe ihn jedes Mal unterstützt, und ich glaube wirklich, dass er das nun auch ohne mich kann.

Die Kardiotechniker. Sie bedienen die Herz-Lungen-Maschine während des Herzstillstands. Eine äusserst wichtige Arbeit.

Die Kardiotechniker. Sie bedienen die Herz-Lungen-Maschine während des Herzstillstands. Eine äusserst wichtige Arbeit.

12 Uhr
Die Operation heute Morgen verlief relativ zügig (sie wurde eigentlich an zweiter Stelle, also als einfacheren Eingriff, eingeplant). Während der Operation haben wir unsere Strategie jedoch geändert. Bei der Auswertung der Untersuchungsergebnisse hatten wir den Eindruck, dass wir, bevor wir die finale Korrektur vornehmen können, eine vorbereitende Operation durchführen müssen. Die Lungenarterien des Kindes waren klein und es war nicht sicher, dass sie der ganzen Herzleistung standhalten würden. Nach der Dissektion schienen sie aber eine anständige Grösse zu haben und wir konnten direkt zur finalen Operation «springen». Beim Schliessen des Sternums sah die Situation vielversprechend aus. Bei der Verlegung und Ankunft auf der Intensivpflege hat sich die Lage ein wenig verschlechtert. Wir werden sehen, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben – das ist noch nicht garantiert.

Vor der Intensivstation bereiten die Mütter das Essen für ihre Kinder vor.

Vor der Intensivstation bereiten die Mütter das Essen für ihre Kinder vor.

14 Uhr
Das letzte Kind wurde in den Operationssaal gebracht: ein kleines Mädchen, nur ein paar Monate alt, das Probleme mit den Koronararterien aufweist. Auch hier ist der Durchgang zu eng für die Lungen. Trotz der Komplexität der Operation und der Feinheit dieser lebenswichtigen Strukturen (die Herzkranzgefässe sind in diesem Alter äusserst klein) hatte ich ein gutes Gefühl, als ich es sah – und auch als ich seine Mutter sah, die so positiv und dankbar war darüber, dass wir uns dieser Operation annahmen. Sogar Yann, der mir zuweilen fragende Blicke zuwirft, wenn ich mich an einen grenzwertigen Fall wage, scheint ganz zuversichtlich zu sein. Ladin hat sich umgezogen und beginnt mit dem Einschnitt. Ich muss also auch los.

Eines unserer Frischoperierten mit seiner Mutter

Eines unserer Frischoperierten mit seiner Mutter

18.30 Uhr
Yann ist ein sicheres Barometer. Dem Mädchen geht es ausgezeichnet. Sein Herz hat die Arbeit wieder aufgenommen und schlägt munter, der zuvor geschwächte Herzmuskel ist wieder voller Kraft, die hämodynamischen Parameter haben sich gut etabliert. Es ist schön, unsere Mission so abschliessen zu können.

Die letzte Operation. Bald wird das Kind wieder aufwachen.

Die letzte Operation. Bald wird das Kind wieder aufwachen.

Wir haben zwei Kinder, die nur langsam wieder auf die Beine kommen, aber angesichts ihres Krankheitsbildes ist das auch normal. Unter Narkose sind sie stabil, aber sobald wir sie aufwachen lassen, steigt auch der Druck im Lungenkreislauf wieder an und die rechte, weniger kräftige Herzkammer kann diesem steigenden Widerstand nur schwer entgegenhalten. Die Zeit sollte aber inzwischen für sie und für uns arbeiten – die kleinen Lungengefässe sollten sich allmählich öffnen und einer steigenden Herzleistung standhalten.

Das Operationsprogramm mit den von Ladin oder mir durchgeführten Operationen (aus Höflichkeit werde ich immer als erster Operateur aufgeführt!)

Das Operationsprogramm mit den von Ladin oder mir durchgeführten Operationen (aus Höflichkeit werde ich immer als erster Operateur aufgeführt!)

Wir werden auch morgen noch anwesend sein, trotzdem verabschieden wir uns schon von einigen. Zwei Chirurgen sind von Phnom Penh angereist, um von unserem Besuch zu profitieren. Sie werden morgen früh abreisen. Also machen wir noch das Erinnerungs-Shooting – schon stehen plötzlich alle Schlange. Das ist alles für die Nachwelt.

Heute Abend haben wir in einem guten Restaurant reserviert. Wir werden es geniessen.