Blog prof. René Prêtre

Okt 29 2019
pretre

Mission Kambodscha 2019, 29. Oktober

Post by René Prêtre

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Okt 29 2019

Montag, 29. Oktober

13.30 Uhr
Die Operation heute Vormittag war kompliziert, ist aber gut verlaufen. Auch hier handelte es sich um eine Fehlbildung. Auf dem Röntgenthorax war das Herz, wie schon gestern, auf der rechten Seite zu sehen. Nicht, weil die Natur den Brustkorb und die darin liegenden Organe spiegelverkehrt angelegt hätte, wie im gestrigen Fall, und auch in dem von heute Nachmittag, sondern weil der ganze Herz-Lungen-Kreislauf quasi im Gegenuhrzeigersinn verlief (aus Sicht von unten). Ich sage oft zu meinen Studierenden, dass der liebe Gott das Herz für die Chirurginnen und Chirurgen in den Brustkorb gelegt hat. Sämtliche wichtige Strukturen sind für uns gut zugänglich: Die Vorhöfe und die Herzkammern (Ventrikel) liegen auf beiden Seiten, rechts die ersteren, links die letzteren, die zuführenden und die abführenden Blutgefässe sowie die vier Herzklappen befinden sich mehr oder weniger in der Mitte. Sogar die Trennwände zwischen den beiden Herzhälften befinden sich auf einer horizontalen Ebene, was für uns äusserst günstig ist. All dies ist sehr angenehm, da stimmen Sie mir sicher zu.
Um die Septumdefekte – oder «Löcher im Herzen», wie sie in der Umgangssprache oft genannt werden – zwischen den Vorhöfen bzw. Herzkammern schliessen zu können, müssen wir erst den äusserst zarten rechten Vorhof öffnen. So halten wir den Schaden unseres Eingriffs minimal. Wir vermeiden jeglichen Einschnitt in die Ventrikel, so gut es geht, denn der Satz «Muscle cousu, muscle foutu» («genähter Muskel, kaputter Muskel» des Lausanner Chirurgen César Roux (1854–1937), Anm. d. Üb.) hat seine Richtigkeit – und die Herzkammern sind äusserst wichtig! Heute Morgen aber war alles wesentlich komplizierter. Wie soll ich das alles erklären?

Das Kind von gestern ist wieder mit seinen Eltern. Hier bei der Messung des Schmerzscores (dieser scheint nicht besonders hoch zu sein).

Das Kind von gestern ist wieder mit seinen Eltern. Hier bei der Messung des Schmerzscores (dieser scheint nicht besonders hoch zu sein).

Bevor ich nun ausufernd werde, möchte ich die Anatomie lieber anhand eines Bildes erklären. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass der Ventrikel-Septumdefekt (also das Loch zwischen den Herzkammern) bei diesem Kind nur schwer über den rechten Vorhof zugänglich ist, denn dieser liegt zu tief und ist zu sehr «verdreht». Man bräuchte fast einen Mundspiegel, wie beim Zahnarzt, um damit ins Herzinnere schauen zu können.
Zum Glück wurde der Zahnarzt heute hinfällig, wir haben es auch so geschafft, aber es war wirklich knifflig. Es ist paradox: Das Kind ist so klein und wiegt nicht einmal vier Kilo, trotzdem hat es in den über vier Stunden eine unglaubliche Muskelspannung von uns abverlangt, sowohl im Rücken, als auch in den Armen und Fingern, denn wir mussten ja unsere Instrumente zwischen Trabekeln und Sehnenfäden hindurchschlängeln, um zur zentralen Stelle zu gelangen. Als dies endlich erledigt war, musste noch eine Lungenvene eingesetzt, ein weiterer Septumdefekt geschlossen (zwischen den Vorhöfen, was viel einfacher ist) sowie ein Verbindungskanal geschaffen werden – der Umweg war es also wert.

Das Herz im Brustkorb. Der obere Schnitt zeigt ein normales Herz, der untere die Herzposition unseres Kindes von heute Morgen. Der Ventrikel-Septumdefekt ist mit dem geraden schwarzen Pfeil markiert; der blaue gekrümmte Pfeil zeigt den operativen Zugang zu diesem Septumdefekt über den rechten Vorhof an.

Das Herz im Brustkorb. Der obere Schnitt zeigt ein normales Herz, der untere die Herzposition unseres Kindes von heute Morgen. Der Ventrikel-Septumdefekt ist mit dem geraden schwarzen Pfeil markiert; der blaue gekrümmte Pfeil zeigt den operativen Zugang zu diesem Septumdefekt über den rechten Vorhof an.

14 Uhr
Besuch auf der Intensivstation. Ein leises Surren ist zu hören. Viele Mütter sind da und passen auf ihre Kinder auf. Sie grüssen uns mit Gesten der Dankbarkeit. Die Kommunikation hier ist eher rudimentär – ein hochgestreckter Daumen oder ein Kopfnicken – aber dies reicht, um zu verstehen zu geben, dass alles gut läuft.

Zurück und immer bei Mama.

Zurück und immer bei Mama.

Der zweite Fall war im Grunde noch komplizierter als der vom Vormittag (normalerweise teilen wir immer die schwierigen Fälle des Tages als erstes ein). Uns war bewusst, dass wir erneut mit einer verdrehten Anatomie zu kämpfen haben würden – Ladins Vorgehen war präzise und den gängigen Techniken entsprechend – aber in dem Augenblick, als die Herz-Lungen-Maschine hätte ausgeschaltet werden sollen, stellten wir fest, dass der Blutdruck nicht stimmte (der zentralvenöse Druck war ziemlich hoch und der arterielle Druck dementsprechend tief). Wir checkten das Herz erneut und stellten fest, dass eine der Lungenarterien nicht richtig mit Blut versorgt war. Also haben wir die Maschine wieder gestartet und das Problem behoben. So gesagt, scheint alles sehr einfach gewesen zu sein, aber wir haben trotzdem mindestens zweieinhalb Stunden gebraucht, um diese Operation durchzuführen. Beim Schliessen des Sternums war alles perfekt, der Druck ganz ohne Hilfe der Herz-Lungen-Maschine wieder normal.

Yann in vollem Einsatz. Oben: bei der Durchführung eines Herzultraschalls (über die Speiseröhre), um uns das Herzinnere und die Muskelkontraktionen zu zeigen. Unten: bei der Verlegung des Kindes auf die Intensivpflege – ganz Buddha-like (der einzige, der sitzt); ich weiss, er wiederholt es immer wieder, er darf die Monitore nicht aus den Augen lassen!

Yann in vollem Einsatz. Oben: bei der Durchführung eines Herzultraschalls (über die Speiseröhre), um uns das Herzinnere und die Muskelkontraktionen zu zeigen. Unten: bei der Verlegung des Kindes auf die Intensivpflege – ganz Buddha-like (der einzige, der sitzt); ich weiss, er wiederholt es immer wieder, er darf die Monitore nicht aus den Augen lassen!